Auch die Zeit Jesu und des Neuen Testaments ist solche Zeit, wo die Frau–allerdings nur die der Oberschicht–eine neue Selbständigkeit und Kultur entwickelt hatte. Das ist später für die Geschichte der Urgemeinde wichtig. . . . Eine Frauenemanzipation war in Gange, die bis ins zweite Jahrhundert nach Christus reichte. Plato hatte im vierten Jahrhundert vor Christus schon von der prinzipiellen ethischen Gleichwertigkeit der Frau gesprochen. Allerdings sollte die politische Herrschaft des Mannes und die Sozialstruktur des Staates davon nicht betroffen sein. In den Philosophenschulen der Stoa und des Neuplatonismus forderte man sogar Gleichberechtigung und Monogamie.
So hatte sich die Frau um die Zeitwende unter dem Wohlwollen der Philosophen einen Platz in der Gesellschaft erobert. Sie eignete sich Bildung an, reiste allein, konnte Vermögen erwerben, z.B. als Rennstallbesitzerin, Ärztin und Geschäftsfrau Anerkennung finden. . . . Die Vorherrschaft des Mannes war in Frage gestellt, auch wenn heftige Diskussionen darüber nicht fehlten und in der offiziellen Ethik das Ideal der beflissen-züchtigen Hausfrau fortbestand und selbst das Philosophiestudium in den Dienst der guten Haushaltsführung gestellt werden konnte: “Nur eine Frau, die in Philosophie geübt ist, kann eine gute Hausfrau sein” (Musonius).
Die soziale und kulturelle Struktur der Gesellschaft blieb also von der Emanzipationsbewegung ziemlich unberüht. Man suchte ein “harmonisches Zusammenleben” im Einklang der Interessen. Doch eine Sozialrevolution fand nicht statt. So blieb praktisch der Mann in der Ehe der führende Teil. Geist und Leib fanden nicht zur Versöhnung, und Gleichberechtigung blieb eine abstrakte Forderung, die an der römischen Recht geprägten gesellschaftlichen Wirklichkeit scheiterte.
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