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March 9, 1944 to Eberhard Bethge, from Tegel

Wieweit also hängt “Bildung” noch mit der Antike zusammen?

Ist die Ranke’ – bis Delbruck’sche Konzeption der Geschichte als eines Kontinuums, das aus “Altertum”, “Mittelalter” und “Neuzeit” besteht, wirklich gültig? oder hat nicht Spengler mit der These von den in sich geschlossenen Kulturkreisen mindestens auch recht – wenn er auch die geschichtlichen Vorgänge zu biologisch versteht?

Die Auffassung vom geschichtlichen Kontinuum beruht im Grunde auf Hegel, der den Gesamtverlauf der Geschichte in der “Neuzeit”, d.h. in seinem System der Philosophie, kulminieren sieht.

* * *

Persönlich ist mein Verhältnis zur Renaissance und zum Klassizismus leider immer ein kühles geblieben und ich empfinde beides irgendwie als mir fremd; ich kann es mir nicht wirklich aneignen. Schreib mir mal etwas über Deine diesbezüglichen Eindrücke und Gedanken. Ob nicht die Kenntnis anderer Länder und die innere Berührung mit ihnen für uns heute ein viel bedeutenderes Element der Bildung ist als die Antike?

das Altertum antiquity

die Antike classical antiquity

die Auffassung opinion, view

die Berührung touch, contact

die Bildung education

der Eindruck, -drücke impresion

der Gesamtverlauf total course

die Kenntnis knowledge

der Kulturkreis cultural circle/cycle

das Mittelalter the Middle Ages

die Neuzeit the modern age

das Verhältnis proportion, relation

der Vorgang -gänge event, process

aneignen acquire, make one´s own

bleiben, ist geblieben remain

beruhen be based on

bestehen consist

empfinden feel

verstehen understand

zusammenhängen hang together, be connected

***

bedeutender (comp) more important

fremd strange, foreign

geschichtlich historical

geschlossen closed

gültig valid

irgendwie somehow

kühles cool

mindestens at least

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Jan 23, 1944 to Eberhard Bethge from Tegel

Bonhoeffer discusses “Bildung,” education as character formation.  He seems to be using “Bildung” in the sense of Werner Jaeger’s exposition of the Greek concept of Paideia.  Jaeger taught at Berlin until 1936, when he migrated to the U.S. with his Jewish wife.  The first volume of Jaeger’s Paideia was published in 1934.

Deine Erinnerung an Sokrates zum Thema Bildung und Tod ist vielleicht sehr fruchtbar. Ich muß darüber noch nachdenken. Klar ist mir an dem ganzen Problem eigentlich nur, daß eine, “Bildung”, die in der Gefahr versagt, keine ist. Bildung muß der Gefahr und dem Tod gegenübertreten können –

“impavidum ferient ruinae” (Horaz)

(“einen Unerschrockenen werden die Ruinen treffen”) –

wenn sie ihn auch nicht “überwinden” kann; was heißt überwinden? Im Gericht die Vergebung, im Schrecken die Freude finden? Aber darüber müssen wir noch mehr sprechen. [ . . . ]

die Bildung education, character formation
die Erinnerung memory, remembering
die Freude joy, pleasure
die Gefahr danger
das Gericht court, judgment
der Schreck fright
das Thema theme
der Tod death
der Unerschrocken fearless man (adj as noun); < erschrocken ppc of erschrecken frighten
die Vergebung forgiveness

gegenübertreten face
heiße call, mean
nachdenken reflect
treffen hit, find, reach, meet
überwinden overcome
versagen fail

darüber about this
fruchtbar fruitful
klar clear
vielleicht perhaps

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to Eberhard Bethge, January 23, 1944 (Tegel)

In his unfinished Ethics, Bonhoeffer stated that the commandment of God reaches one in four “Mandates” or areas of life: Marriage, Work, State, Church. In this letter he ponders the place of friendship in this scheme. Friendship is not a mandate but belongs to the realm of freedom.

Was Du in diesem Zusammenhang über die Freundschaft, die sich im Unterschied zu Ehe und Verwandtschaft keiner allgemein anerkannten Rechte erfreut und die daher ganz auf dem ihr innewohnenden Gehalt ruht, sagst, finde ich sehr gut beobachtet. Es ist ja tatsächlich nicht leicht, die Freundschaft soziologisch einzuordnen. Sie muß wohl als ein Unterbegriff des Kultur- und Bildungsbegriffs verstanden werden, während Bruderschaft unter den Kirchenbegriff und Kameradschaft unter den Begriff der Arbeit und den Begriff des Politischen fällt. Ehe, Arbeit, Staat und Kirche haben ihr konkretes göttliches Mandat, wie steht es aber mit Kultur und Bildung?

Ich glaube nicht, daß man sie einfach dem Arbeitbegriff unterordnen kann, so verlockend das in vieler Hinsicht wäre. Sie gehören nicht in den Bereich des Gehorsams, sondern in den Spielraum der Freiheit, der alle drei Bereiche der göttlichen Mandate umgibt.

Wer von diesem Spielraum der Freiheit nichts weiß, kann ein guter Vater, Bürger und Arbeiter, wohl auch ein Christ sein, aber ob er ein voller Mensch ist (und insofern auch ein Christ im vollen Umfang des Begriffes), ist mir fraglich. Unsere “protestantisch” (nicht lutherisch!)-preußische Welt ist so stark durch die 4 Mandate bestimmt, daß der Speilraum der Freiheit dahinter ganz zurückgetreten ist.

Ob vielleicht – so scheint es heute fast – der Begriff der Kirche es ist, von dem aus allein das Verständnis für den Spielraum der Freiheit (Kunst, Bildung, Freundschaft, Spiel) wieder zu gewinnen ist?

also die “ästhetische Existenz” (Kierkegaard) gerade nicht aus dem Bereich der Kirche zu verweisen, sondern gerade in ihr neu zu begründen wäre? ich glaube das eigentlich, und der Anschluß an das Mittelalter würde auch von hier aus neu gewonnen werden! Wer kann denn z.B. in unseren Zeiten noch unbeschwert Musik oder Frendschaft pflegen, speilen und sich freuen? Sicher nicht der “ethische” Mensch, sonder nur der Christ.

Gerade weil die Freundschaft in den Bereich dieser Freiheit (“des Christenmenschen”!?) gehört, muß man sie allem Stirnrunzeln der “ethischen” Existenzen gegenüber zuversichtlich verteidigen – gewiß ohne den Anspruch auf die “necessitas” eines göttlichen Gebote, aber mit dem Anspruch auf die “necessitas” der Freiheit! Ich glaube, daß innerhalb des Bereiches dieser Freiheit ist Freundschaft das weitaus seltenste – wo gibt es sie eigentlich noch in unserer vorwiegend durch die 3 ersten Mandate betimmten Welt? – und kostbarste Gut ist. Es läßt sich mit den Gütern der Mandate nicht vergleichen, es ist ihnen gegenüber sui generis, aber gehört doch zu ihnen wie Kornblume zum Ährenfeld.

Ährenfeld cornfield
der Anschluß access, connection
der Anspruch claim
die Arbeit work;
der Arbeitbegriff concept of work;
der Arbeiter worker
der Begriff; in compounds -begriff concept of
der Bereich area, domain, scope
die Bildung education
die Bruderschaft brotherhood
der Bürger citizen
der Christ Christian
Christus Christ
die Ehe marriage
die Freiheit freedom
die Freundschaft friendship
das Gebot commandment
der Gehalt content; das Gehalt salary
der Gehorsam obedience
die Güter (pl) goods
die Hinsicht aspect, regard, respect
die Kameradschaft comradeship, being comrades
die Kirche church; der Kirchenbegriff concept of church
die Kornblume cornflower
die Kultur culture
das Mandat mandate
der Mensch
human being
das Mittelalter the Middle Ages
das Recht law, justice, right
das Spiel play, game, sport
der Spielraum leeway, scope
das Stirnrunzeln frown, raised eyebrows
der Umfang amount, breadth, area
der Unterbegriff subtopic
der Unterschied difference
der Vater father
das Verständnis comprehension
die Verwandtschaft affinity
der Zusammenhang connection, relation

begründen account for, base, establish
beobachten find, observe
bestimmen effect, assign, determine
einordnen classify
sich erfreuen rejoice in, enjoz
sich freuen be happy
gehören belong to
gewinnen win, gain, acquire
pflegen attend to, maintain, cultivate
ruhen rest
scheinen seem
spielen play
stehen stand, be
umgeben encircle, surround
verstanden understand
verteidigen defend, advocate
verweisen refer to
zurücktreten rescind, retreat, withdraw

anerkannt recognized, accepted
bestimmt determined, certain
fast almost
gegenüber opposite, compared to
gerade directly, straight
gewiß certain
göttlich godly
innewohnend inherent
kostbar expensive; -ste (superl)
preußich Prussian
stark strong, strict
tatsäschlich factual
unbeschwert untroubled
verlockend tempting
vorwiegend prevalent, predominant
während while
weitaus by far
wieder again
zuversichtlich confident

necessitas (Lat) necessity
sui generis (Lat) in a class by itself

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