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Posts Tagged ‘world come of age’

8 June 1944 to Eberhard Bethge from Tegel (4)

Die Attacke der christlichen Apologetik auf die Mündigkeit der Welt halte ich erstens für sinnlos, zweitens für unvornehm, drittens für unchristlich.

Sinlos-Weil sie mir wie der Versuch erscheint, einen zum Mann gewordenen Menschen in seine Puberstätszeit zurückversetzen, d.h. ihn von lauter Dingin abhängig zu machen, von denen er faktisch nicht mehr abhängig ist, ihn Probleme hineinzustoßen, die für ihn faktisch nicht mehr Probleme sind.

Unfornehm-weil hier ein Ausnutzen der Schwäche eines Menchen zu ihm fremden, von ihm nicht frei bejahten Zwecken versucht wird.

Unchristlich-weil Christus mit einer bestimmten Stufe der Religiosität des Menschen, d.h. mit einem menschlichen Gesetz verwechselt wird.  Darüber nachher noch ausführlicher.

Hauptwörter

das Ausnutzen exploiting
ausnutzen to exploit, take advantage
die Ausnutzung exploitation
das Gesetz law
die Mündigkeit maturity, adulthood
die Schwäche weakness
der Zweck purpose, goal, end

Zeitwörter

erscheinen seem
halten für consider
hineinstoßen thrust into
laut werden be expressed
zurückversetzen take back to

verwechseln confuse, mistake for

Andere Wörter

abhängig dependent
ausführlicher in more detail
darüber about this
bestimmt certain
d.h. das heißt that is
fremd strange, foreign, alien
lauter unsophistocated, pure, simple
nachher later
sinnlos senseless
unvornehm dishonorable
*einer zum Mann gewordenen Menschen a full-grown man

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8 June 1944 to Eberhard Bethge from Tegel (2)

Katholische und protestantische Geschichtsbetrachtung sind sich nun darüber einig, daß in dieser Entwicklung der große Abfall von Gott, von Christus, zu sehen sei, und je mehr sie Gott und Christus gegen diese Entwicklung in Anspruch nimmt und ausspielt, desto mehr versteht sich diese Entwicklung selbst als antichristlich.

Die zum Bewußtsein ihrer selbst und ihrer Lebensgesetze gekommene Welt ist ihrer selbst in einer Weiser sicher, daß uns das unheimlich wird; Fehlentwicklungen und Mißerfolge vermägen die Welt an der Notwendigkeit ihres Weges und ihrer Entwicklung doch nicht irre zu machen; sie werden mit männlicher Nüchternheit in Kauf genommen, und selbst ein Ereignis wie dieser Krieg macht darin keine Ausnahme.

Gegen diese Selbstsicherheit ist nun die christliche Apologetik in verschiedensten Formen auf den Plan getreten.  Man versucht der mündig gewordenen Welt zu beweisen, daß sie ohne den Vormund “Gott” nicht leben könne.

Wenn man auch in allen weltlichen Fragen schon kapituliert hat, so bleiben doch immer die sogenannten “letzten Fragen”-Tod, Schuld,–auf die nur “Gott eine Antwort geben kann und um derentwillen man Gott und die Kirche und den Pfarrer braucht.  Wir leben also giwissermaßen von diesen sogenannten letzten Fragen der Menschen.

Wie aber, wenn sie eines Tages nicht mehr als solche da sind, bzw. wenn auch sie “ohne Gott” beantwortet werden?  Nun kommen zwar die säkularisierten Ableger der christlichen Theologie, nämlich die Existenzphilosophen und die Psychotherapeuten, und weisen dem sicheren, zufriedenen, glücklichen Menschen nach, daß er in Wirklichkeit unglücklich und verzweifelt sei und das nur nicht wahrhaben wolle, daß er sich in einer Not befinde, von der er garnichts wisse und aus der nur sie ihn retten könnten.

Hauptwörter

der Abfall apostasy, falling away
der Ableger branch, offshoot
der Anspruch claim;
in Anspruch nehmen absorb, engage, lay claim to
die Ausnahme exception
das Buwußtsein awareness, consciousness
die Einfachheit straightforwardness, simplicity
die Entwicklung development
die Ereignis event
die Fehlentwicklung aberration, undesirable development
Geschichtsbetrachtung historical interpretation, approach
der Kauf acquisition; in Kauf genommen accept
das Lebensgesetz law of life
der Mißerfolge failure, breakdown
die Not need
die Notwendigkeit necessity
die Nuchterheit sobriety, austerity
der Pfarrer pastor
der Plan plan, program
die Schuld guilt
Selbstsicherheit self assurance
der Tod death
der Vormund custodian, guardian
der Weg way
dieWeise mode, manner
die Welt world

Zeitwörter

ausspielen play off gegen against
beantworten answer
befinden sich be located
beweisen attest, prove

bleiben remain
brauchen need
da sein exist
nachweisen demonstrate, prove
nehmen, nimmt, genommen take
leben live
können can, be able
retten rescue
treten auf step on
vermögen be able to do something
verstehen understand;
versuchen attempt
nicht wahrhaben wollen disavow
weisen point, show
wissen know

Andere Wörter

bzw. beziehungsweise rather, respectively
darin therein, in it, to that
darüber about it, about this
derentwillen for the sake of which/whom
einig agreed
gegen against
gewissermaßen effectively, to some extent
geworden that has become
glücklich happy
irre mad, insane, mistaken
je mehr . . . desto mehr the more X. . . so much the more Y
letzten Fragen ultimate questions
mündig mature, of age, responsible
sicher certain, secure
sogenant so-called
unheimlich eerie, weird, sinister
verschieden various
verzweifelt despairing
zufrieden content
zwar although, indeed

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8 June 1944 to Eberhard Bethge from Tegel (1)

This is one of the important and influential letters on the theme of “the world come of age” or “religionless” Christianity.  Bonhoeffer’s statement that he is being led more by an instinct for future questions than by any clarity regarding the answers is important.  Whatever “religionless Christianity” meant for Bonhoeffer, it included faith, prayer, and Bible reading.  See previous posts, including the “Baptismal Letter.”

Du stellst nun inbezug auf die Gedanken, die mich in letzter Zeit beschäftigen, so viele wichtige Fragen, daß ich froh wäre, wenn ich sie selbst beantworten könnte.

Es ist eben noch alles sehr im anfang und es leitet mich, wie meist, mehr der Instinkt für kommende Fragen, als daß ich über sie schon Klarheit hätte.

Ich will versuchen, einmal vom Geschichtlichen meinen Standort zu bezeichnen.

Die etwa im 13. Jahrhundert-(ich will mich auf den Streit über den Zeitpunkt nicht einlassen)-beginnende Bewegung in der Richtung auf die menschliche Autonomie (ich verstehe darunter die Entdeckung der Gesetze, nach denen diie Welt in Wissenschaft, Gesellschafts- und Staatsleben, Kunst, Ethik, Religion lebt und mit sich selbst fertig wird) ist in unsrer Zeit zu einer gewissen Vollständigkeit gekommen.

Der Mensch hat gelernt, in allen wichtigen Fragen mit sich selbst fertig zu werden ohne Zuhilfenahme der “Arbeitshypothese: Gott”.  In wissenschaftlichen, künstlerischen, auch ethischen Fragen ist das eine Selbstverständlichkeit geworden, and der man kaum mehr zu rütteln wagt; seit etwa 100 Jahren gilt das aber in zunehmendem Maße auch für die religiösen Fragen; es zeigt sich, daß alles auch ohne “Gott” geht, und zwar ebenso gut wie vorher.  Ebenso wie auf wissenschaftlichem Gebiet wird in allgemein menschlichen Bereich “Gott” immer weiter aus dem Leben zurückgedrängt, er verliert an Boden.

Hauptwörter

der Anfang beginning
die Arbeitshypothese working hypothesis
der Bereich field, area
der Boden ground
die Bewegung movement
die Entdeckung discovery
die Frage question
das Gebiet region, sphere
das Geschichtliche the historical (perspective)
das Gesellschaftsleben social life
das Jahrhundert century
die Klarheit clarity
die Kunst art
das Leben life
das Maß measure, degree, extent
die Richtung direction
die Selbstverständlichkeit matter of course
Staatsleben political life
der Standort position
der Streit quarrel, argument
die Vollständigkeit completeness
die Wissenschaft science
der Zeitpunkt point in time
Zuhilfenahme the aid of

Zeitwörten

beantworten könnte could answer
beschäftigen occupy, consume one’s attention
bezeichnen indicate, describe
gelten, gilt be valid, be true
ist geworden has become
lernen, gelernt learn
leiten lead
rütteln shake (fig, question)
stellen place (pose a question)
verlieren lose
versuchen attempt
wagen dare, venture
zeigen show, sich turns out
züruckdrängen push back

Andere Wörter

allgemein general
etwa somewhere
gewiss certain
ich froh wäre I would be happy
inbezug relating to
menschlichen human
selbst (my)self
und zwar ebenso gut wie vorher and in fact just as well as before
wichtig important
zunehmend increasing

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